"SOS"

September '66. Z4 empfängt Notruf SOS von Fährschiff "Skagen" mit topografischen Angaben und läuft nach Not-Feuer an der bis dahin abgeschalteten Kessel volle Kraft Richtung Nirdspitze Dänemark. 4 Kessel volle Überhitzung! Die Heizer in Ekstase. Der Kahn zittert in allen Fugen, die Decksplatten vibrieren, der Chief tobt, und ich klettere an Oberdeck, um den Anblick zu geniessen, den Fletcher mit 39,6 Knoten durch die Ostsee pflügen zu sehen. Eine Hecksee fast auf Höhe vom Flaggenstock. Nach 20 Minuten wird etwas Fahrt zurückgenommen, weil die Oeltemperaturen im Getriebe zu hoch sind. Ich weiss nicht mehr genau, wie lange wir bis Frederikshavn gebraucht haben, jedenfalls waren bei unserem Eintreffen schon einige Nato-Einheiten vor Ort.

Was war geschehen? Die Skagen hatte beim Verlassen des Hafens ein Wendemanöver durchgeführt und dabei derart harte Ruderlagen gefahren, dass sich ein Lastwagen aus der Verankerung riss und die Bordwand unter der Wasserlinie durchschlug. Wasser war also eingedrungen und hatte die Fähre nach Backbord krängen lassen, schätze mal so 22 Grad.

Das Ganze spielte sich vor der Hafeneinfahrt in Reichweite vom Land ab. Einige Passagiere waren in Panik über Bord gesprungen und trieben jetzt im Wasser, andere waren einfach an Land geschwommen. Als wir eintrafen, waren die Rettungsbemühungen in vollem Gange. Z4 kam aus voller Fahrt plötzlich zum Stop. Was das für die Maschine heisst, kann man sich ausdenken. Tonnenweise wurde das kostbare Kondensat abgeblasen, was den Chief krakeelen liess. Er schnappte sich das Telefon zur Brücke und brüllte: "Käpt'n! Sie fahren mir die Maschine in'n A....!" Kommandant von H. dürfte bis dato wohl noch nie angebrüllt worden sein. Konnte ja auch eigentlich nix für die Situation. Hinzu kam, dass der Fletcher die im Wasser treibenden Personen nur an Steuerbord einpicken konnte, weil an Backbord der Water Intake für den Hauptkondensator knapp unter der Wasserlinie liegt. Bei Geschwindigkeiten unter 7 Knoten genügt der Staudruck des Wassers nicht mehr, weshalb ein Propeller zugeschaltet wird. Der aber hätte die Leute angesaugt. Wir haben nach meiner Erinnerung nur ein paar Passagiere an Bord gezogen und mit warmen Decken versorgt, den Rest haben die anderen Einheiten bewältigt.

Am Besten waren diejenigen dran, die die Nerven behalten hatten, denn die Fähre wurde wenig später in den Hafen eingeschleppt, ohne dass sich der Krängungswinkel verstärkt hatte. Ein Todesopfer hatte es doch gegeben. Wie man später aus der Zeitung erfuhr, war ein alter Herr ins Wasser gesprungen und hatte durch den Kälteschock oder die Aufregung einen Herzinfarkt erlitten. Immerhin hatten wir uns nach Kräften bemüht, was uns später auch Lob von oben einbrachte.

Achtung!Pointe! Wie wir später aus der Presse erfuhren, hatte der Kapitän der Fähre nach Absetzen des SOS-Funkspruchs mit seinen Leuten fluchtartig die Brücke verlassen und war an den verdutzten Passagieren vorbei in die Rettungsboote gesprungen, ohne einen Ton zu sagen, sodass die Leute völlig im Unklaren gelassen wurden. Nicht mal ein "Rette sich, wer kann!" hat's gegeben. Wie ich ein halbes Jahr später in allen Tageszeitungen lesen konnte, hat es eine Seegerichtsverhandlung in Oslo(?) gegeben, wo die Schiffsführung u. a. wegen unterlassener Hilfeleistung verknackt wurde. Allen wurden zudem die Patente entzogen.

 

H.-O. Künstler